So kann COVID-19 tiefgreifende Veränderungen in Städten antreiben

Aniruddha Dasgupta
27.04.2020

Auf der ganzen Welt, von Wuhan bis New York City, stehen die Städte der sich ausweitenden COVID-19-Krise an vorderster Front gegenüber. Die Städte erleben eine nie da gewesene Belastung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Systeme, angefangen mit überlasteten Gesundheitssystemen, während die Volkswirtschaften zum Erliegen kommen. Öffentliche Verkehrssysteme sind finanziell ins Trudeln geraten. Was zu besten Zeiten bereits eine Herausforderung ist, nämlich das Ringen darum, auch nur elementaren Zugang zu Wasser und Abwasserbeseitigung zu schaffen, ist jetzt in vielen wachsenden Städten im globalen Süden besonders akut. Tagelöhner und die Armen jedweder Couleur in den Städten leiden am meisten an dem Doppelschlag aus entgangenem Einkommen und einer Verknappung der städtischen Dienstleistungen und sozialen Sicherungsnetze, die sie in der Not auffangen können. Wir erleben nun das, wenn auch mit unerwartetem Ausmaß, worauf die Forschung schon länger hinweist: einen erschreckenden Mangel an Belastbarkeit der städtischen Systeme weltweit und eine unverhältnismäßige Auswirkung auf die Armen in den Städten.

Schon vor der aktuellen Pandemie wussten wir, dass Städte eine signifikante Veränderung durchlaufen müssen, um die globalen Ziele, die im Pariser Abkommen, in den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung oder der New Urban Agenda dargelegt sind, zu erfüllen. Der Bericht des IPCC darüber, was erforderlich sein wird, um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken, argumentierte, dass alle Städte bis zum Jahr 2050 Netto-Null-CO2-Emissionen erreichen müssen. Heute erreicht keine einzige Stadt Netto-Null-Emissionen.

Um diese Ziele zu erreichen, brauchen wir tiefgreifende Veränderungen der Art und Weise, wie wir in Städten bauen, diese verwalten und dort leben. Solche Veränderungen mögen vielleicht unerreichbar erscheinen, doch wir haben von Energie über Wohnen bis Mobilität nachhaltige, kostengünstige, offenere Lösungen griffbereit. Wir brauchen nur eine Vision, die kühn genug ist, um das Verständnis der Menschen dessen, was in Städten möglich ist, zu verändern, und den Mut, es im großen Stil zu verwirklichen.

Eine der unbeabsichtigten Folgen dieser Krise besteht darin, dass wir auf sehr drastische Weise erkennen, dass eine radikale Veränderung unseres Alltags und unserer Systeme tatsächlich möglich ist. Inmitten der Angst und Unsicherheit erkennen die Menschen auch in Teilen, wie eine Stadt in der Zukunft aussehen könnte. Aufgrund des starken Rückgangs des Verkehrs und der Industrieproduktion atmen Menschen auf der ganzen Welt zum Beispiel bessere Luft als in Jahrzehnten. In Jalandhar, einer Industriestadt im Norden Indiens, sahen die Menschen plötzlich morgens die schneebedeckte Bergkette des Himalaja in 320 km Entfernung, die seit Generationen von dort nicht gesichtet worden war. Die Menschen genießen täglich unbeabsichtigte „autofreie Tage“, stellen fest, dass man auch spazieren gehen und Rad fahren kann und das sogar bevorzugt. Rettungskräfte stellen fest, dass Radfahren einfach die schnellste und sicherste Art der Fortbewegung ist. Städte wie Bogotá, Berlin und Mexico City haben ihre Bemühungen zur Errichtung von Fußgängerzonen und Radwegen verstärkt, um diese Aktivitäten zu unterstützen.

Wie können wir sicherstellen, wenn die Städte vom Krisenmanagement zur Wiederbelebung und Erholung übergehen, dass diese unerwarteten positiven Erfahrungen und die großen Lücken in den städtischen Systemen, die die Krise ans Licht gebracht hat, zu belastbareren, offeneren Städten führen? Aus unseren bisherigen Erfahrungen wissen wir, dass nationale und städtische Entscheidungsträger diese Gelegenheit nutzen sollten, um sich auf vier Kernbereiche zu konzentrieren, in denen eine tiefgreifende Änderung möglich ist:

Belastbarere Daten generieren

Um die sich verändernden Bedingungen vor Ort besser zu überwachen und auf diese zu reagieren, müssen Städte und Kommunen mit Partnern zusammenarbeiten, um belastbare Daten zu generieren. Die Städte können nichts verbessern, was sie nicht verstehen, und diese Krise hat gezeigt, wie wenig viele Stadt- und Gemeindeverwaltungen tatsächlich darüber wissen, was in ihren Städten passiert, oder wie wenig sie die möglichen Auswirkungen verschiedener politischer Optionen kennen. Kreative Partnerschaften mit Gemeinden, NGOs, der Privatwirtschaft und den Universitäten sind erforderlich, um diese Lücken zu schließen. Hongkong und Singapur haben während des SARS-Ausbruchs zum Beispiel öffentliche Gesundheitsüberwachungs- und Reaktionssysteme eingeführt, die sie gut darauf vorbereitet hat, nun mit COVID-19 umzugehen.

In Städte als Systeme investieren

Wir stellen fest, dass die soziale, wirtschaftliche und ökologische Belastbarkeit als drei verknüpfte Systeme eng miteinander verbunden sind, die jeweils signifikant voneinander abhängen. Dadurch ergibt sich ein Dominoeffekt mit gleichzeitigen Ausfällen. Städte funktionieren wie Systeme und diese Pandemie bietet die große Chance, sie besser, offener und widerstandsfähiger gegen Erschütterungen in der Zukunft wiederaufzubauen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, Städten die technische Unterstützung und die Daten zur Verfügung zu stellen, damit sie integrierte soziale, wirtschaftliche und Infrastrukturstrategien auf lokaler Ebene schaffen können. Und auf nationaler Ebene müssen wir das Regierungshandeln dahingehend verbessern, dass eine nahtlosere Koordination zwischen Staat und Kommunen für die Reaktion auf Notsituationen und die Erholung davon ermöglicht wird. Was in Städten passiert, bleibt nicht in den Städten. Aber die Städte können es nicht alleine schaffen. Sie benötigen häufig Hilfe von regionalen und föderalen Behörden, einschließlich Finanzausgleiche und nationaler politischer Entscheidungen, um eine signifikante Änderung umzusetzen.

Wirtschaftliche Widerstandskraft durch Abstützen von Sicherheitsnetzen aufbauen

Diese Pandemie zeigt die Fragilität eines großen Teils der Arbeitsplätze, von denen die städtische Wirtschaft abhängig ist, in Städten jeder Art. In den Vereinigten Staaten haben bisher mehr als 26 Millionen Menschen Arbeitslosengeld beantragt. In Indien haben mehr als eine halbe Million Wanderarbeiter die Städte seit der Ankündigung einer landesweiten Ausgangssperre verlassen. Informelle Arbeiter, von Tagelöhnern bis zu Uber-Fahrern, haben keine Arbeitsverträge, keine Versicherung oder Einkommen in solchen Zeiten und sind nun mit der unmöglichen Wahl konfrontiert, sich entweder der Ansteckung mit dem Coronavirus auszusetzen oder zu hungern. Diese Tätigkeiten im informellen Sektor, der Gig Economy und zahlreiche formelle Tätigkeiten im Niedriglohnsektor sind für die Wirtschaft in den Städten absolut notwendig. Aber Arbeitern in diesen Sektoren fehlen die finanziellen und sozialen Sicherheitsnetze, die nötig sind, um eine Krise zu überstehen. Städte müssen die städtische Wirtschaft mit stärkeren sozialen und finanziellen Sicherheitsnetzen für informelle und Niedriglohnarbeiter abstützen, einschließlich gezielter Einkommensbeihilfen und verstärktem Zugang zu sozialen und wirtschaftlichen Leistungen.

Zugang zu Grundleistungen für alle sicherstellen

Diese Pandemie bringt bestehende Konfliktlinien in Bezug auf schlechte physische Infrastruktur und Ungleichheiten im Zugang zu Grundleistungen ans Licht. Sie wirft auch Fragen über gesunde Dichten in Städten auf. Die erfolgreichsten Städte sind in der Lage, eine lebenswerte Dichte zu erreichen – ein Gleichgewicht, in dem die Vorteile der Zusammenballung signifikant höher sind als die Kosten der Überlastung. Diese Krise muss dazu führen, dass Städte neu darüber nachdenken, wie sie eine lebenswerte Dichte erreichen können. Dichte ist in der Tat eine Voraussetzung für eine effektive Erbringung der städtischen Dienstleistungen. Fehlt der Zugang zu wesentlichen Dienstleistungen wie Wasser, Wohnung und medizinische Versorgung, verschärft das die die Herausforderung, effektiv auf COVID-19 zu reagieren. Große Teile der Bevölkerung haben keine angemessene Wohnung, um sich selbst zu isolieren, keine Grundversorgung mit Wasser und sanitären Einrichtungen, um sich die Hände zu waschen, keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder Transportmöglichkeiten, um Hilfe zu bekommen, oder Berufe, denen sie zu Hause nachkommen können. Diese Herausforderungen, die sie täglich meistern müssen, haben sich nun verschärft.

Wir müssen uns voll und ganz darauf konzentrieren, in Infrastruktur und Wohnungen für eine Verbesserung der Gesundheit, des Wohlergehens und der Widerstandskraft der Armen in der Stadt zu investieren. Dazu gehört, hochriskante Wohnorte einschließlich armer und unterversorgter Gemeinden zu erkennen – und dort zu investieren. Es bedeutet, die Infrastruktur in informellen Siedlungen in allen Entwicklungsländern zu verbessern, um die Kluft der städtischen Dienstleistungen zu überwinden. Und es bedeutet, eine Infrastruktur aufzubauen, die bewusst auf eine Zukunft mit geringer CO2-Emission ausgerichtet ist.

Aniruddha Dasgupta

WRI Ross Center for Sustainable Cities
Aniruddha (Ani) Dasgupta ist Globaler Direktor des WRI Ross Center for Sustainable Cities, des WRI-Programms, das Maßnahmen zur Förderung eines...

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